PART 2 — 📚 Warum führte Frau Krüger die Sitzzeit wirklich ein?

Die Stoppuhr in Frau Krügers Hand piepte noch einmal.

Auf dem Display stand weiterhin:

„Mitarbeitersitzzeit überschritten.“

Der Direktor zog ihren Bürostuhl vollständig hinter dem Schreibtisch hervor und klappte ihn demonstrativ zusammen.

Dann klebte er einen gelben Zettel auf die Rückenlehne:

„Nächste Nutzung ab 16:00 Uhr.“

Frau Krüger starrte ihn an.

„Das gilt nicht für Mitarbeiter.“

Der Direktor betrachtete das winzige Schild am Eingang.

„Dort steht nichts von Ausnahmen.“

„Mitarbeiter brauchen Sitzplätze, um ihre Aufgaben zu erfüllen.“

Herr Wagner, der noch nicht vollständig zur Tür hinausgegangen war, drehte sich um.

„Und Leser brauchen Sitzplätze offenbar nur aus Bequemlichkeit?“

Frau Krüger richtete ihre Brille.

„Leser können im Stehen lesen.“

Der Direktor zeigte auf ihren Computer.

„Dann können Sie im Stehen arbeiten.“

Mehrere Besucher blieben stehen, um zu sehen, wie Frau Krüger reagieren würde.

Sie nahm die Tastatur vom Schreibtisch, legte sie auf einen Stapel Bücher und begann stehend zu tippen.

„Kein Problem.“

Der Direktor nickte.

„Sehr gut.“

Dann nahm er auch den kleinen gepolsterten Hocker unter dem Kopierer weg.

Frau Krüger sah ihm nach.

„Der gehört zum technischen Arbeitsplatz.“

„Regeln schützen das Mobiliar.“

Herr Wagner lächelte.

Frau Krüger ignorierte ihn und wandte sich wieder ihrem Computer zu.

Auf dem Bildschirm öffnete sie eine Tabelle.

Herr Wagner konnte nur kurz einen Blick darauf werfen.

Dort standen nicht nur Sitzzeiten.

Es gab mehrere Spalten:

Stuhlnummer

Nutzungsdauer

Körpergewicht geschätzt

Bewegungshäufigkeit

Lehnenbelastung

Voraussichtliche Restlebensdauer

Herr Wagner blieb stehen.

„Was ist das für eine Liste?“

Frau Krüger minimierte das Fenster sofort.

„Interne Bestandsverwaltung.“

„Sie schätzen das Gewicht der Leser?“

„Nein.“

„Das stand dort.“

„Das System erfasst nur Belastungswerte.“

„Durch wen?“

„Durch die Stühle.“

Im Raum wurde es still.

Der Student an der Fensterbank sah zu dem zusammengeklappten Stuhl neben ihm.

„Die Stühle erfassen uns?“

Frau Krüger antwortete nicht.

Der Direktor ging zu einem der eingesammelten Stühle und drehte ihn um.

Unter der Sitzfläche befand sich ein kleines schwarzes Kästchen.

Eine grüne Leuchte blinkte.

„Was ist das?“, fragte er.

Frau Krüger legte die Hände auf den Schreibtisch.

„Ein Nutzungssensor.“

„Seit wann haben unsere Bibliotheksstühle Sensoren?“

„Seit der Modernisierungsphase.“

„Welche Modernisierungsphase?“

„Die, die ich beantragt habe.“

Der Direktor sah sie lange an.

„Ich habe keine Modernisierung von Stühlen genehmigt.“

Frau Krüger öffnete eine Schublade und holte einen Ordner heraus.

Auf dem Deckel stand:

„Projekt SitzEffizienz 2030.“

Sie legte ihn auf den Tisch.

„Der Antrag wurde fristgerecht eingereicht.“

Der Direktor öffnete den Ordner.

Auf der ersten Seite befand sich ein Formular mit einem Eingangsstempel.

Darunter stand:

„Kenntnisnahme durch Bibliotheksleitung.“

Der Direktor zeigte auf die Unterschrift.

„Das ist nicht meine Unterschrift.“

„Es ist Ihre digitale Freigabe.“

„Ich habe nichts freigegeben.“

Frau Krüger blätterte zur nächsten Seite.

Dort war eine automatische E-Mail ausgedruckt:

„Ihre Nachricht wurde erfolgreich zugestellt.“

Herr Wagner sagte:

„Eine Zustellbestätigung ist keine Genehmigung.“

Frau Krüger antwortete ruhig:

„Es kam innerhalb von vierzehn Tagen kein Widerspruch.“

Der Direktor schloss kurz die Augen.

„Sie haben also eine automatische E-Mail als Zustimmung interpretiert?“

„Schweigen ist im Verwaltungsprozess häufig eine Form passiver Akzeptanz.“

„Nicht in diesem Haus.“

„Dann hätte die Bibliotheksleitung die Verfahrensbeschreibung aktualisieren müssen.“

Der Direktor blätterte weiter.

Je mehr Seiten er las, desto ernster wurde sein Gesicht.

Das Projekt hatte ein offizielles Ziel:

„Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer aller Sitzmöbel um 40 Prozent.“

Die Maßnahmen waren detailliert beschrieben:

Begrenzte Sitzzeit.

Automatische Belastungsmessung.

Erholungsphasen für Stühle.

Trennung zwischen leichten und schweren Nutzern.

Sperrung bei überdurchschnittlicher Bewegung.

Zusätzliche Gebühren bei starkem Zurücklehnen.

Der Student trat näher.

„Zusätzliche Gebühren?“

Frau Krüger hob einen Finger.

„Diese Phase wurde noch nicht aktiviert.“

„Noch nicht?“, fragte Herr Wagner.

Der Direktor las weiter.

Auf einer Seite stand:

„Phase zwei: dynamische Sitzplatzvergabe nach Nutzungsrisiko.“

Darunter waren verschiedene Kategorien aufgelistet:

🟢 ruhiger Leser

🟡 häufige Positionsänderung

🟠 Lehnenbenutzer

🔴 starke Belastung

Herr Wagner sah Frau Krüger an.

„Und wer entscheidet, welcher Leser ein Risiko ist?“

„Das System.“

„Wer hat das System eingestellt?“

„Ich habe die Grundwerte definiert.“

„Dann entscheidet nicht das System. Dann entscheiden Sie.“

Frau Krüger verschränkte die Arme.

„Die Sensoren arbeiten objektiv.“

In diesem Moment rollte einer der Stühle auf dem Wagen leicht zur Seite und fiel um.

Das schwarze Kästchen unter der Sitzfläche piepte.

Eine Computerstimme sagte:

„Unsachgemäße Bewegung erkannt.“

Auf Frau Krügers Bildschirm erschien:

„Verantwortliche Mitarbeiterin: Krüger.“

Die Anwesenden begannen zu lachen.

Frau Krüger hob den Stuhl auf.

„Das war ein Transportereignis.“

Der Computer antwortete:

„Belastungsausrede nicht erkannt.“

Der Direktor sah sie an.

„Hat das System gerade Ihre Erklärung abgelehnt?“

„Die Spracherkennung ist noch nicht vollständig angepasst.“

Herr Wagner zeigte auf den umgestürzten Wagen.

„Vielleicht braucht das System eine Sitzpause.“


Der Direktor schloss den Projektordner.

„Alle Stühle werden sofort zurückgestellt.“

Frau Krüger stellte sich vor den Wagen.

„Das ist nicht möglich.“

„Warum nicht?“

„Weil ein Teil des Bestands bereits reserviert ist.“

„Für wen?“

Frau Krüger schwieg.

Der Direktor wartete.

Herr Wagner betrachtete die gelben Zettel an den zusammengeklappten Stühlen.

Auf einigen stand nicht nur eine Freigabezeit.

Dort befanden sich kleine rote Punkte.

Einige Lehnen waren zusätzlich mit Nummern markiert:

A-14

A-18

B-03

Er zog einen Stuhl aus der Reihe.

Unter dem Sitz klebte ein neues Etikett:

„Vorführungsexemplar – nicht benutzen.“

„Vorführung wofür?“

Frau Krüger nahm ihm den Stuhl aus der Hand.

„Das betrifft eine externe Veranstaltung.“

Der Direktor wurde misstrauisch.

„Welche Veranstaltung?“

„Die kommunale Innovationsmesse.“

„Unsere Bibliothek nimmt daran nicht teil.“

„Jetzt schon.“

Sie öffnete einen zweiten Ordner.

Auf dem Deckel stand:

„Stadtmöbel der Zukunft – Präsentation.“

Darin befanden sich Fotos des Lesesaals.

Allerdings waren auf den Bildern keine Leser zu sehen.

Stattdessen waren die Stühle perfekt in Reihen angeordnet.

Auf einem Entwurf stand:

„Die erste nahezu nutzungsfreie Bibliothek Deutschlands.“

Herr Wagner las die Zeile laut vor.

„Nutzungsfreie Bibliothek?“

Frau Krüger korrigierte ihn:

„Nahezu nutzungsfrei.“

„Eine Bibliothek ohne Leser.“

„Eine Bibliothek mit minimaler Möbelbelastung.“

Der Direktor blätterte weiter.

Für die Messe sollten alle Stühle als besonders neuwertig präsentiert werden.

Der Text versprach:

„Trotz öffentlicher Nutzung befinden sich 96 Prozent des Mobiliars im optischen Neuzustand.“

Herr Wagner nickte langsam.

„Jetzt verstehe ich.“

Frau Krüger sah ihn an.

„Was verstehen Sie?“

„Sie haben die Sitzzeiten nicht eingeführt, um die Bibliothek zu verbessern.“

„Doch.“

„Sie wollten verhindern, dass die Stühle vor der Messe benutzt werden.“

Frau Krüger blieb still.

Der Direktor fand auf der letzten Seite eine Preisbeschreibung:

🏆 „Kommunaler Nachhaltigkeitspreis für besonders langlebige Einrichtung.“

Das Preisgeld betrug:

25.000 Euro.

Der Direktor blickte zu Frau Krüger.

„Sie wollen mit unbenutzten Stühlen einen Nachhaltigkeitspreis gewinnen.“

„Die Stühle sind nicht unbenutzt.“

„Sie dürfen nur fünfzehn Minuten benutzt werden.“

„Das ist effizienter Einsatz.“

„Was sollte mit dem Preisgeld passieren?“

Frau Krüger blätterte zu einer Kalkulation.

Dort standen mehrere geplante Ausgaben:

Neue Sensoren.

Elektronische Stuhlschlösser.

Automatische Sitzzeitkontrolle.

Ein zentraler Stuhlverwaltungsserver.

Und ganz unten:

„Projektleitungspauschale: 4.800 Euro.“

Herr Wagner zeigte auf die letzte Zeile.

„Ah.“

Frau Krüger schloss den Ordner.

„Diese Pauschale entspricht dem zusätzlichen Verwaltungsaufwand.“

Der Direktor nahm ihr den Ordner wieder ab.

„Sie wollten fast fünftausend Euro dafür erhalten, dass niemand mehr sitzen darf.“

„Ich habe das Projekt entwickelt.“

„Sie haben Stühle weggenommen.“

„Die Umsetzung ist komplexer, als sie aussieht.“

Der Student an der Fensterbank fragte:

„Gibt es auch eine Stehzeit?“

Frau Krüger sah ihn an.

„Noch nicht.“

Der Computer piepte.

Auf dem Bildschirm erschien plötzlich:

„Neue Optimierung empfohlen: Stehflächenbelastung begrenzen.“

Herr Wagner zeigte darauf.

„Jetzt gibt es eine.“

Frau Krüger wollte das Fenster schließen.

Doch der Direktor trat zum Computer.

„Öffnen Sie das vollständige System.“

„Dafür benötigen Sie Administratorrechte.“

„Ich bin der Direktor.“

„Nicht im Projekt.“

„Wer ist Administrator?“

Frau Krüger antwortete leise:

„Der externe Anbieter.“

Der Direktor atmete hörbar aus.

„Welcher Anbieter?“

Sie zeigte auf das Logo auf dem Sensor.

SitzZeit Solutions GmbH

Herr Wagner nahm sein Telefon heraus.

„Haben Sie überprüft, ob diese Firma existiert?“

Frau Krüger antwortete:

„Natürlich.“

„Wie?“

„Die Webseite war professionell.“

Der Direktor sah sie an.

„Das war nicht die Frage.“

Herr Wagner suchte den Firmennamen.

Die Webseite existierte.

Auf der Startseite stand:

„Wir verwandeln öffentliche Räume in kontrollierte Nutzungszonen.“

Darunter waren Fotos von Bibliotheken, Wartezimmern und Behörden.

Eine Überschrift lautete:

„Weniger Nutzung. Weniger Verschleiß. Mehr Effizienz.“

Herr Wagner scrollte weiter.

Ganz unten stand in kleiner Schrift:

„SitzZeit Solutions ist eine Marke der PlatzWert Datensysteme AG.“

„Datensysteme“, sagte er.

Der Direktor blickte auf die Sensoren.

„Welche Daten werden gesammelt?“

Frau Krüger antwortete:

„Nur Nutzungsdauer.“

Der Computer meldete:

„Unvollständige Angabe erkannt.“

Alle sahen auf den Bildschirm.

Dort öffnete sich automatisch ein Informationsfenster:

Erfasste Daten:

Sitzdauer.

Gewichtsveränderung.

Bewegungsmuster.

Körperhaltung.

Gerätenutzung während des Sitzens.

Buchkategorie.

Ausleihverhalten.

Reaktionen auf Sitzzeitende.

Herr Wagner trat näher.

„Das System verbindet die Stuhldaten mit den gelesenen Büchern?“

Frau Krüger wurde blass.

„Das war nicht Teil meiner Einstellungen.“

Der Direktor scrollte weiter.

Es gab Benutzerprofile.

Herr Wagner – Geschichte, Politik, Gesellschaft.

Student 17 – Informatik, Prüfungsunterlagen.

Besucherin 08 – Gesundheit, Ernährung.

Die ältere Frau nahm ihre Tasche vom Tisch.

„Sie wissen, welche Bücher ich lese?“

Frau Krüger hob beschwichtigend die Hände.

„Die Ausleihdaten waren bereits im Bibliothekssystem.“

„Und Sie haben sie mit den Stühlen verbunden.“

„Zur besseren Raumplanung.“

Der Computer ergänzte:

„Zur Erstellung kommerzieller Nutzungsprofile.“

Der Direktor sah Frau Krüger an.

„Kommerziell?“

„Davon wusste ich nichts.“

Herr Wagner öffnete im System einen Ordner namens:

„Partnerberichte.“

Darin lagen Auswertungen für verschiedene Unternehmen.

Ein Hersteller von Bürostühlen.

Eine Versicherung.

Ein Onlinebuchhändler.

Eine Werbeagentur.

Die Berichte zeigten, welche Leser wie lange bei bestimmten Themen sitzen blieben.

Bei welchen Büchern sie ihre Position häufig änderten.

Welche Personen nervös wurden.

Welche nach Ablauf der Sitzzeit protestierten.

Herr Wagner fand seinen eigenen Datensatz.

„Nutzer reagiert kritisch auf Regeln, hohe Diskussionsbereitschaft.“

Daneben stand:

„Geeignet für Werbung mit direkter Argumentation.“

Er lachte ungläubig.

„Mein Stuhl hat mich als schwierigen Kunden bewertet.“

Frau Krüger versuchte erneut, das System zu schließen.

Doch eine neue Meldung erschien:

„Ungewöhnlich viele Personen betrachten Administratoroberfläche.“

Dann:

„Datenschutzmodus wird aktiviert.“

Alle Bildschirme wurden schwarz.

Gleichzeitig ertönte im Lesesaal ein lautes mechanisches Klicken.

Die zusammengeklappten Stühle auf dem Wagen verriegelten sich.

Metallbügel fuhren über die Sitzflächen.

Der Direktor zog an einem Stuhl.

Er ließ sich nicht öffnen.

„Was passiert jetzt?“

Frau Krüger sah auf ihre Stoppuhr.

Sie zeigte nicht mehr die Uhrzeit.

Darauf stand:

„Externe Steuerung aktiv.“

Eine Stimme kam aus den Lautsprechern der Bibliothek:

🔊 „Sehr geehrte Projektleitung, unerlaubter Zugriff wurde erkannt.“

Frau Krüger sagte:

„Das ist nur eine Sicherheitsmeldung.“

Die Stimme fuhr fort:

„Alle Vorführungsexemplare werden zur Abholung vorbereitet.“

Der Wagen setzte sich von selbst in Bewegung.

Herr Wagner trat zur Seite.

Die Räder rollten durch den Lesesaal in Richtung Ausgang.

„Wo fahren die Stühle hin?“, fragte der Direktor.

Frau Krüger drückte auf ihre Stoppuhr.

Keine Reaktion.

„Zur Messe, wahrscheinlich.“

„Die Messe ist erst nächste Woche.“

„Zeitplan wurde vorgezogen“, sagte die Computerstimme.

Die automatische Eingangstür öffnete sich.

Draußen stand ein Lieferwagen.

Auf der Seite befand sich das Logo von SitzZeit Solutions.

Zwei Mitarbeiter in grauen Uniformen stiegen aus.

Sie trugen Tablets und faltbare Absperrgitter.

Der Direktor stellte sich vor den Wagen.

„Diese Stühle gehören der Bibliothek.“

Einer der Männer sah auf sein Tablet.

„Laut Vertrag befinden sie sich während der Projektlaufzeit im verwalteten Bestand.“

„Sie wurden mit öffentlichen Mitteln gekauft.“

„Die Sensoren wurden von uns installiert.“

„Dann nehmen Sie die Sensoren.“

„Ohne Sensoren verlieren die Stühle ihren zertifizierten Effizienzstatus.“

Herr Wagner fragte:

„Was bedeutet das überhaupt?“

Der Mitarbeiter antwortete vollkommen ernst:

„Ein nicht überwachter Stuhl kann nicht als nachhaltig genutzt gelten.“

„Ein Stuhl ist nachhaltig, wenn niemand darauf sitzt?“

„Nicht niemand. Kontrolliert wenige.“

Der Direktor nahm den Vertrag aus dem Ordner.

„Ich habe diesen Vertrag nicht unterschrieben.“

Der Mann zeigte auf eine digitale Bestätigung.

„Frau Krüger wurde als Projektverantwortliche hinterlegt.“

Alle sahen zu ihr.

Sie sagte:

„Ich dachte, das betrifft nur die Testphase.“

„Die Testphase endete heute um 14:00 Uhr.“

Herr Wagner blickte auf die Uhr.

Es war 14:02 Uhr.

Der Mitarbeiter zeigte auf die Stühle.

„Da die Nutzungsgrenzen erfolgreich durchgesetzt wurden, tritt nun die kommerzielle Phase in Kraft.“

„Welche kommerzielle Phase?“, fragte der Direktor.

„Die Bibliothek zahlt ab sofort pro freigegebener Sitzminute.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Dann fragte Herr Wagner:

„Pro Minute?“

„Korrekt.“

„Die Bibliothek besitzt die Stühle und muss bezahlen, damit Menschen darauf sitzen dürfen?“

„Sie bezahlt für die kontrollierte Nutzung.“

Der Direktor blätterte hektisch durch den Vertrag.

Tief im Kleingedruckten fand er die Zeile:

„Nach Abschluss der Testphase erfolgt die Abrechnung nutzungsabhängig.“

Preis:

0,09 Euro pro Sitzminute.

Der Student rechnete schnell.

„Eine Stunde kostet fünf Euro vierzig.“

Die ältere Frau schüttelte den Kopf.

„Dann ist ein Café günstiger.“

Der Mitarbeiter nickte.

„Ein Café hat jedoch keine bibliothekarische Sitzplatzqualität.“

Herr Wagner sah Frau Krüger an.

„Sie wollten einen Preis gewinnen und haben stattdessen die Stühle an ein Abonnement gebunden.“

„Davon wusste ich nichts.“

Der Computer antwortete:

„Vertragsbedingungen wurden vollständig bestätigt.“

Frau Krüger wurde rot.

„Das Häkchen war bereits gesetzt.“

Der Direktor sagte:

„Und Sie haben es nicht entfernt.“

„Das hätte den Antrag verzögert.“

„Jetzt kostet uns jeder Leser Geld.“

Der Mitarbeiter korrigierte ihn:

„Nur jeder sitzende Leser.“

Herr Wagner lächelte trocken.

„Deshalb sollen alle stehen.“

Frau Krüger blickte auf den Boden.

Zum ersten Mal hatte sie keine schnelle Antwort.


Der Lieferwagen wurde geöffnet.

Im Inneren standen bereits Dutzende Stühle aus anderen öffentlichen Einrichtungen.

Stühle mit Aufklebern:

Bürgeramt.

Volkshochschule.

Seniorenzentrum.

Wartebereich Rathaus.

Herr Wagner zeigte darauf.

„Sie machen das überall.“

Der Mitarbeiter sagte:

„Wir optimieren kommunales Mobiliar.“

„Indem Sie es einsammeln?“

„Wenn Einrichtungen die Nutzungsgebühren nicht bestätigen, wird der Bestand zentral verwahrt.“

Der Direktor stellte sich erneut vor den Wagen.

„Kein Stuhl verlässt dieses Gebäude.“

Der Mitarbeiter tippte auf sein Tablet.

Sofort piepten alle Sensoren.

Auf jedem Stuhl erschien eine rote Anzeige:

„Zahlungsstatus ungeklärt.“

Dann klappten sich die Beine automatisch ein.

Die Stühle lagen flach auf dem Wagen.

Herr Wagner sah zu Frau Krüger.

„Das war also mit den eingesammelten Stühlen geplant.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich wollte sie nur bis zur Messe schützen.“

„Und jetzt werden sie abgeholt.“

„Das war nicht vorgesehen.“

Der Direktor reichte ihr den Vertrag.

„Lesen Sie den letzten Abschnitt.“

Dort stand:

„Bei Nichterreichen der wirtschaftlichen Mindestnutzung kann der Anbieter die Möbel anderweitig einsetzen.“

Frau Krüger wurde blass.

„Wirtschaftliche Mindestnutzung?“

Der Mitarbeiter zeigte auf sein Tablet.

„Die Bibliothek hat heute zu wenige Sitzminuten erzeugt.“

Herr Wagner lachte.

„Weil Frau Krüger niemanden sitzen ließ.“

Der Mann nickte.

„Das System bewertet den Standort daher als ineffizient.“

Der Direktor sah Frau Krüger an.

„Sie haben die Stühle so gut geschont, dass wir sie verlieren.“

Herr Wagner ergänzte:

„Und die Bibliothek gleich mit.“

Der Mitarbeiter wollte den Wagen in den Lieferwagen schieben.

Doch Herr Wagner stellte sich daneben.

„Einen Moment.“

Er nahm sein Bibliotheksbuch.

Dann setzte er sich einfach auf den Boden.

Die anderen Leser verstanden sofort.

Der Student setzte sich ebenfalls.

Dann die ältere Frau.

Der Mann vom Regal.

Schließlich saßen fast alle Besucher auf dem Teppich.

Herr Wagner öffnete sein Buch.

„Keine Sensoren.“

Der Student ergänzte:

„Keine Sitzgebühr.“

Die ältere Frau sagte:

„Und der Boden gehört hoffentlich noch der Bibliothek.“

Die Mitarbeiter von SitzZeit sahen auf ihre Tablets.

Die Sensoren registrierten keine Nutzung.

Gleichzeitig blieb der Raum voller Leser.

Auf dem Bildschirm erschien:

„Unbekannte Sitzform erkannt.“

Dann:

„Bodennutzung ist nicht tariflich erfasst.“

Der Direktor lächelte zum ersten Mal.

„Dann lesen heute eben alle auf dem Boden.“

Frau Krüger stand zwischen den zusammengeklappten Stühlen und den sitzenden Lesern.

„Das entspricht nicht der Raumordnung.“

Herr Wagner blickte zu ihr hoch.

„Regeln brauchen keine Stühle.“

Mehrere Besucher lachten.

Die Computerstimme versuchte, die Situation zu bewerten.

„Sitzende Personen ohne Sitzmöbel erkannt.“

„Klassifizierung nicht möglich.“

„Bitte verwenden Sie zertifizierte Sitzflächen.“

Niemand reagierte.

Die Mitarbeiter von SitzZeit telefonierten hektisch mit ihrer Zentrale.

Nach wenigen Minuten erschien eine neue Nachricht:

„Standort kann derzeit nicht abgerechnet werden.“

Der Direktor verschränkte die Arme.

„Dann nehmen Sie Ihre Sensoren und gehen.“

Die Männer begannen widerwillig, die schwarzen Kästchen von den Stühlen zu entfernen.

Sobald ein Sensor gelöst wurde, klappte sich der jeweilige Stuhl wieder auf.

Ein Stuhl nach dem anderen stand wieder normal im Raum.

Die Leser applaudierten.

Frau Krüger wollte einen Stuhl zurück an ihren Schreibtisch stellen.

Der Direktor hielt ihn fest.

„Ihre Mitarbeitersitzzeit ist noch nicht freigegeben.“

Sie sah auf den gelben Zettel.

„Nächste Nutzung ab 16:00 Uhr.“

Es war erst 14:27 Uhr.

Herr Wagner setzte sich auf seinen ursprünglichen Stuhl.

Frau Krüger zeigte sofort auf die Uhr.

„Sie haben bereits länger als fünfzehn Minuten gesessen.“

Der Direktor nahm ihr die Stoppuhr weg.

Dann öffnete er das Batteriefach und entfernte die Batterie.

„Die Sitzzeitregel ist beendet.“

Frau Krüger betrachtete die leere Stoppuhr.

„Ohne Daten können wir die Möbelabnutzung nicht kontrollieren.“

Herr Wagner schlug sein Buch auf.

„Dann müssen Sie wohl wieder hinsehen.“

Der Direktor setzte sich hinter ihren Schreibtisch.

„Und bevor Sie neue Projekte beantragen, lesen Sie künftig alle Verträge.“

Frau Krüger antwortete:

„Das würde sehr viel Zeit kosten.“

Herr Wagner sah über den Rand seines Buches.

📖 „Zu langes Lesen schützt manchmal die Bibliothek.“

Die Leser lachten erneut.

Die Mitarbeiter von SitzZeit schoben ihren leeren Wagen zum Ausgang.

Doch kurz bevor sie gingen, fiel aus einer ihrer Taschen ein Dokument.

Herr Wagner hob es auf.

Auf der Vorderseite stand:

„Phase drei – Bücherregalnutzung nach Berührungsdauer.“

Darunter:

„Jedes entnommene Buch wird nach zehn Minuten automatisch verriegelt.“

Der Direktor las den Titel.

Dann sah er zu Frau Krüger.

Sie hob sofort beide Hände.

„Damit habe ich nichts zu tun.“

In diesem Moment piepte eines der Bücher im Regal.

Ein kleines rotes Licht begann im Buchrücken zu blinken.

Die Computerstimme sagte:

🔊 „Lesezeit überschritten. Buch wird geschlossen.“

Herr Wagner blickte auf das dicke Buch in seinen Händen.

Der Einband begann sich langsam von selbst zuzuklappen.

Er hielt ihn mit beiden Händen offen.

Dann sah er Frau Krüger an.

Sie stand regungslos neben ihrem weiterhin gesperrten Stuhl.

Auf dem Bildschirm hinter ihr erschien eine neue Meldung:

„Projektverantwortliche Krüger für Phase drei bestätigt.“

Frau Krüger wurde blass.

„Das muss ein Fehler sein.“

Herr Wagner zog das Buch fester auseinander und sagte:

😐 „Regeln brauchen offenbar nicht einmal Ihre Zustimmung.“

Teil 3 der Geschichte findet ihr im ersten Kommentar (bitte „Alle Kommentare“ auswählen).

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